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HURRICANE

Per App gegen die Schlange - Crowd Management-System Colocator soll Hurricane-Besucher gezielter informieren

Montag, 07.05.2018

Ein Rückblick: Eichenring, Juni 2017: Ein Gewitter just zu dem Zeitpunkt der Hurricane-Anreise macht den Einlass zu den Zeltplätzen zu einer Nervenprobe für Besucher und Organisatoren des Mammutfestivals. Diejenigen Festivalfans, die sich die „Hurricane“-App auf ihr Handy heruntergeladen haben (und das sind immerhin zwei Drittel der gut 70.000), sind während des Wartens bestens informiert: „In einer halben Stunde öffnet Eingang Süd!“ Diese Mitteilung, die Lena aus Düsseldorf und ihre drei Begleiter in ihren Golf auf Parkplatz 5 bekommen, in dem sie Schutz vor dem Regen suchen, kann ganz anders aussehen als die, die Ole aus Bremen auf sein Smartphone gesendet bekommt, der nach der Anreise mit der Bahn unter das Vordach der Firma „Baden“ an Eingang West untergekommen ist.

Warum? Die Antwort heißt „Colocator“ und wurde beim Hurricane und Southside 2017 erstmals von Veranstalter FKP Scorpio eingesetzt; in diesem Jahr setzt der Großveranstalter bei so gut wie all seinen Festivals mit mehr als 25.000 Besuchern auf die relativ neue Technik zur Anzeige und Lenkung von Besucherströmen.

Was hinter diesem Baustein zum Crowd Management verbirgt, erklärt Hurricane-Organisator Jasper Barendregt: „In erster Linie ist Colocator ein Kriseninformationsmanagementsystem. Unser oberster Auftrag ist, für die Sicherheit unserer Besucher zu sorgen.“ Auch wenn der Veranstalter keine Zahlen nennen mag: Billig ist das System des britischen Anbieters „Crowd Connected“ nicht gerade, das die Anzahl der gesendeten Handysignale erfasst und – gebündelt – farbig auf dem Monitor anzeigt, wo die Informationen rund um die Uhr von einem Mitarbeiter überwacht und an Koordinierungsgruppe (Polizei, Gefahrenabwehrbehörde, Rettungsdienst, Feuerwehr, Veranstalter)  weitergeleitet werden. Cluster von Besuchern an einem Ort werden weiß angezeigt, größere rot, bei  lila steigt bei Barendregt der Adrenalinpegel: Wir mussten uns erst an diese rein quantitative Darstellung gewöhnen!“ Denn: Ob da die Massen friedlich beim Public Viewing vor der Leinwand stehen, auf dem Campingplatz ein Geheimkonzert von der Ladefläche eines Trucks steigt oder eine Schlägerei ausgebrochen ist, verraten die bunten Punkte nicht; den Schwung aufs Fahrrad mag Barendregt sich auch in Zukunft nicht ersparen: „Die menschliche Einschätzung, was da los ist vor Ort - egal ob selbst oder über Ordnerpersonal -, ersetzt die Technik nicht“ – aber sie helfe ungemein und objektiviere die subjektive Einschätzung. „Im Vorjahr dachten wir, dass der DJ-Set am Donnerstagabend pünktlich ab 20 Uhr die Massen zieht – inzwischen wissen wir, dass die Fans über einen viel längeren Zeitraum eintrudeln, wenn sie ihre Zelte aufgebaut haben – da können wir die Manpower der Securities gezielter woanders einsetzen.“ Qualitative Analysen seien nur mit anderen Systemen wie Videokameras, wie sie in Wacken eingesetzt werden, möglich – „das ist ein ganz anderes Konzept und hat womöglich ein noch viel höheres Budgetaufkommen.“

Auch wenn es sich bei den visualisierten Zahlen auf dem Monitor um Hochrechnungen handelt, ist die Darstellung recht genau, theoretisch auf bis zu fünf Meter. Der Mitarbeiter, der das System rund um die Uhr beobachtet, informiert bei wichtigen Erkenntnissen sofort dem Verkehrsmanagement, der Sicherheitszentrale, dem Marketing oder der Koordinierungsgruppe. So lassen sich auf dieser Grundlage nicht nur Engpässe bei der Anreise, sondern auch auf dem Gelände durch gezielte Planung vermeiden. Im Ernstfall wie beim Unwetter im vergangenen Jahr könne man so gezielter reagieren, wie eben mit räumlich haargenau gezielten Mitteilungen wie „geht zu Eingang 3, da sind die Wartezeiten erheblich kürzer“ an die Schlangen vor dem Security-Check an Einlass 2. Die Voraussetzung:  Die App muss von den Besuchern heruntergeladen und die Datenweitergabe an Colocator aktiviert sein. Bei 66 Prozent App-Usern auf dem Festival hat rund die Hälfte der Ortung eingewilligt. Ob die Besucher wissen, wofür ihre Daten genutzt werden? „Dem stimmen sie beim Herunterladen ausdrücklich zu“, so Barendregt. Der Befürchtung des Ausspionierens von Daten steht er gelassen gegenüber: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kommunikation alles ist: Wenn wir den Fans erklären, warum wir das machen und was wir eben nicht mit den Daten machen oder machen können,  ist die Akzeptanz groß.“ Eine individuelle Ortung – selbst in Ausnahmefällen wie der vermissten Frau im Vorjahr – schließe sich schon wegen der im Mai in Kraft tretenden europäischen Datenschutzgrundverordnung, an die sich der Anbieter schon jetzt hält, sowieso technisch aus: „Bewegungsprofile werden nicht erstellt, die Daten anonymisiert.“

Gleichwohl bieten die Daten nicht nur wertvolle Erkenntnisse hinsichtlich Anfahrtswegen und Laufrouten auf dem Gelände, sondern auch in punkto Marketing – und das nicht nur bei der Optimierung des Standorts von Bier – und Pommesbuden: Grundsätzlich denkbar sei auch gezielte Werbung der Sponsoren über die App, „beispielsweise ein zeitlich begrenztes Angebot von Freibier auf Campingplatz 9“ – „allerdings wollen und werden wir die Fans nicht mit Werbung zuspammen – die App ist vor allem ein Informationsmedium“, betont Barendregt. So werden über die App nur so viele und solche Meldungen verbreitet „die dem Besucher einen Mehrwert bieten.“

Text & Foto: Ulla Heyne

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